Von David Ittekkot

Der „Fachkräftemangel“, der angeblich durch den demografischen Wandel und mangelnde Bildung entsteht, soll gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Es gebe einfach zu wenige qualifizierte BewerberInnen auf die offenen Stellen. Lobbyverbände wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) beklagen, dass sie dadurch Aufträge nicht annehmen könnten und der Aufschwung gefährdet sei. Außerdem stünden massenhafte (Früh-)Verrentungen an und es würden doch viele neue ArbeitnehmerInnen in Zukunftsgebieten wie dem Energiesektor gebraucht. Seltsam mutet dabei an, dass die Unternehmensgewinne in den letzten Jahren stetig gestiegen sind.

Dass die Propheten der wirtschaftlichen Apokalypse sich oftmals auf methodisch verzerrte Zahlen berufen, ist kaum bekannt. So multipliziert der VDI die Anzahl offener Stellen im Ingenieurswesen mit 7 (oder willkürlich auch mal mit 5), da “nicht jede” offene Stelle gemeldet würde und kam damit 2011 auf 90000 offene Stellen bei nur 22000 arbeitslosen IngenieurInnen. Und die Bundesagentur für Arbeit spricht von einem Fachkräftemangel, wenn auf eine offene Stelle “nur” 3 Bewerbungen kommen bzw. auf 100 Stellen 300 Bewerbungen. So wird ein Mangel an qualifizierten BewerberInnen konstruiert.
Außerdem werden Anforderungen oft so spezifisch gestellt, dass kaum einE BewerberIn sie mehr erfüllen kann und viele vor dem Bewerbungsgespräch aussortiert werden. Eine erforderliche Einarbeitungszeit wird den meisten ArbeitnehmerInnen nicht mehr gegönnt. Sie müssen von Anfang an 100-prozentig funktionieren, damit der Profit maximiert werden kann. So haben es BerufseinsteigerInnen besonders schwer, Fuß zu fassen. Fatal, da durch intensive Bemühungen der Industrie ständig mehr junge Menschen ein Ingenieursstudium aufnehmen.

Ein weiteres Standbein der Argumentation ist der Ruf nach Zuwanderung. Doch anstatt eine Zuwanderung von Menschen zu unterstützen, die Schutz vor politischer Verfolgung suchen oder aus schwieriger ökonomischer Lage kommen, sind nur hochqualifizierte ArbeitnehmerInnen, die gewillt sind, zu niedrigen Löhnen in Deutschland zu arbeiten, erwünscht. Vermeintlich wird den Heimatländern dadurch ein Gefallen getan, da ihnen die Arbeitslosen abgenommen. Tatsächlich entsteht ein “Brain Drain”, da die jungen ArbeitnehmerInnen den Heimatregionen, die viel Geld in deren Ausbildung investiert haben, fehlen, was langfristig zu höherer Arbeitslosigkeit führt (siehe Südeuropa).

Was soll das ganze Theater also? Es geht den WirtschaftsvertreterInnen einzig und allein darum, den Arbeitsmarkt mit möglichst vielen ArbeitnehmerInnen zu überfluten und dadurch hochqualifizierte Fachkräfte unter Druck zu setzen, damit auch diese zu geringen Löhnen arbeiten. Letztendlich profitieren also nur die ArbeitgeberInnen, die höhere Gewinne nicht in Form von höheren Löhnen an ihre Beschäftigten weitergeben müssen. Dort, wo tatsächlich Fachkräftemangel herrscht, ist er dagegen leicht erklärbar (z.B. schlechte Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen, Numerus Clausus bei MedizinerInnen, Unattraktivität von Gegenden wie Süd-Thüringen) und muss durch konkrete Maßnahmen in diesen Bereichen verändert werden.

Der Fachkräftemangel ist also ein Thema, das massiv von Unternehmensseite genutzt wird, um Löhne zu drücken. Tatsächlich aber existiert er nur in den wenigsten Branchen. Wir als Jusos und als SPD müssen aufhören, uns auf diese hanebüchene Diskussion einzulassen. Viel wichtiger wäre es, darüber zu sprechen, wie ArbeitnehmerInnen mehr Geld von dem erlangen können, was sie für ein Unternehmen erwirtschaften, ohne mehr arbeiten zu müssen, besser sogar weniger. Dafür müssen wir die Debatte um den Fachkräftemangel so schnell wie möglich beenden.