Das letzte Jahrzehnt hätte gerne sein Thema zurück

Von Hauke van Almelo

„Es ist nicht zu bezweifeln, so war es auch in diesem Fall, dass das unerträgliche Ausmaß von Gewalt verherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten. Und auch das ist etwas, was glaube ich in dieser Gesellschaft mehr diskutiert werden sollte als bisher.“ Mit diesem Statement beendete Thomas De Maizière am 23. Juli eine Pressekonferenz nach dem Amoklauf in München. Nach dieser Aussage warte ich schon darauf, dass jemand ein Verbot der „bösen Killerspiele“ fordert, wie nach den Amokläufen in Emsdetten, Erfurt und Winnenden in den Nuller-Jahren. Zwar hat der Innenminister in einem Zeitungsinterview mit der Berliner Morgenpost gesagt, dass er ein Verbot in einem freiheitlichen Rechtsstaat nicht für den richtigen Weg hält, aber mich hat – zugegebenermaßen- seine ursprüngliche Aussage doch etwas geärgert. Zumal die Verbotsforderung durchaus kam, allerdings nicht mehr so prominent wie noch vor sieben Jahren. Die Aussage, dass kein vernünftiger Mensch die Auswirkungen auf Jugendliche bestreiten könne, ist in dieser Form nicht haltbar. Bei den zahlreichen wissenschaftlichen Studien zu genau dieser Thematik ist bis heute kein einheitliches Bild festzustellen: Einige Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Videospielen mit Gewaltdarstellung negative Auswirkungen hat, andere zu dem, dass es gar keine, oder sogar positive Auswirkungen auf Jugendliche gibt. Auch Metastudien, die mehrere Studien zusammen ziehen und miteinander vergleichen, um ein besseres Bild zu schaffen, kommen zu keinem klaren Ergebnis. Das liegt auch daran, dass die Forschung was die Wirkung von Medien auf unser Gehirn allgemein und nicht nur bei Videospielen,  angeht, noch vergleichsweise jung ist. Eins hat sich aber meiner Meinung nach recht deutlich abgezeichnet: Videospiele sind garantiert kein alleiniger Auslöser für Gewalttaten wie die in München, sondern höchstens ein kleiner Teil der Auslöser. Als viel wichtiger würde ich das soziale Umfeld der Täter sehen: In meinen Augen ist es viel prägender, wenn ein junger Mensch durch sein Elternhaus und/oder restliches soziales Umfeld Gewalt vorgelebt bekommt, als wenn sie oder er Gewalt durch Medien konsumiert. Allgemein dürfte das soziale Umfeld die wohl entscheidendste Rolle dabei spielen, wenn sich ein junger Mensch zu einer solchen Tat entschließt.

Gamer sind keine Randgruppe

Nun kam raus, dass der Täter von München tatsächlich Counter-Strike gespielt hat und sofort kamen wieder die Bezüge auf die Amokläufe des letzten Jahrzehnts. Doch wer daraus einen Schluss auf die Wirkung von Spielen auf Jugendliche zieht, verwechselt Korrelation mit Kausalität. Es ist zwar richtig, dass quasi alle Amokläufer auch Videospiele gespielt haben, aber Gamer sind längst keine kleine Gruppe mehr, quasi jeder Jugendliche hat schon mal ein Videospiel gespielt. Und auch Counter-Strike im Speziellen ist eine Reihe, welche sich laut Entwicklerangaben bis 2012 25 Millionen Mal verkauft hat. Gerade bei Counter Strike hat sich mittlerweile auch eine sehr populäre E-Sport Szene gebildet. Wenn man sich dort ein Spiel anschaut, erkennt man recht schnell, dass das Spielen solcher Spiele per se nichts mit Auslebung von Gewaltfantasien zu tun haben muss, sondern eher mit einem taktisch ausgefeilten Fußballspiel zu vergleichen ist.

Lasst uns diskutieren

Wir können ja gerne eine Debatte führen, dafür leben wir in einer Demokratie, aber nicht auf eine Weise, wie es die Aussage des Innenministers nahe legt, sondern sachlich und basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen. Dabei sollten wir uns aber nicht auf eine Erklärung fokussieren, sondern auch über andere Themen reden, zum Beispiel wie man Mobbing in den Griff bekommt oder ob wir in einer Gesellschaft, in der der psychische Druck immer größer wird, nicht auch mehr PsychotherapeutInnen brauchen. Denn mit schnellen, aber nicht durchdachten Antworten nach solchen Taten ist niemandem geholfen. Das Ziel muss es sein, dass es möglichst gar nicht erst zu solchen Taten kommt. Und es gibt ja auch bei Spielen durchaus Punkte, die diskussionswürdig sind. Es ist zum Beispiel Fakt, dass der IS mit Szenen aus Grand Theft Auto V (GTA V) Propaganda betreibt. Was Herrn De Maizère angeht, so reiht sich diese Aussage leider in eine Reihe unrühmlicher Aussagen, wie zuletzt mit der frei erfundenen Statistik über Flüchtlinge, die plötzlich nicht reisefähig sind, wenn sie abgeschoben werden sollen. Für einen Innenminister ist es absolut unverantwortlich mit gefühlten Wahrheiten bei solchen Themen zu argumentieren, gerade, wenn sie dann auch noch wie Fakten präsentiert werden.

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