Die Corona-Pandemie zeigt: Eine feministische Politik ist wichtiger denn je!

Dieser Antrag wurde auf der Mitgliederversammlung der Jusos Bremen-Stadt vom 4. März beschlossen.
Dieser Antrag wurde auf der Landesmitgliederversammlung der Jusos im Land Bremen vom 1. August 2021 beschlossen.

Beschlusstext

Die Landesmitgliederversammlung der Jusos in Land Bremen möge beschließen:
Der Unterbezirksparteitag der SPD Bremen-Stadt möge beschließen:
Der Landesparteitag der SPD Bremen möge beschließen:

Die Corona-Krise hat bestehende Missstände und Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft aufgezeigt und zum Teil enorm verschärft. Für eine gerechte und solidarische Gesellschaft brauchen wir weiterhin grundlegende Veränderungen!

Vor allem Frauen sind von der Pandemie auf verschiedenen Ebenen besonders hart betroffen. Dabei wird nicht zuletzt eine stetig wachsende ungleiche Verteilung der Care-Arbeit sichtbar. Care-Arbeit oder Sorgearbeit meint die Tätigkeiten des Sorgens und “Sichkümmerns”. Darunter fällt Kinderbetreuung oder Altenpflege, aber auch familiäre Unterstützung, häusliche Pflege oder Hilfe unter Freunden. Die Corona-Krise führt auch zu einem schleichenden und stillschweigenden Rückgang zu klassischen Rollenverteilungen. Beispielsweise wurde zu Beginn des Lockdowns im vergangen Jahr, in der Hälfte der deutschen Haushalte die Kinderbetreuung überwiegend von Frauen übernommen. Studien zeigen außerdem, dass deutschlandweit 27% der Frauen ihre Arbeitszeit reduziert haben, Männer hingegen nur 16%. Selbst wenn beide Elternteile im Homeoffice sind, wird oftmals eine stillschweigende Übereinkunft dahingehend getroffen, dass die Frauen neben ihren beruflichen Verpflichtungen auch den Haushalt und die Kinderbetreuung übernehmen. Infolgedessen sind sie immer mehr dem wachsenden Druck ausgesetzt, beruflichen und familiären Anforderungen gerecht zu werden. Dadurch erleben sie zugleich eine doppelte, oftmals auch psychische Belastung durch Care-Arbeit und Homeoffice. 

Um dieser Doppelbelastung zu entgehen, reduzieren viele Frauen ihre Arbeitszeit. Was dabei oft nicht thematisiert wird ist, wohin diese Entscheidung eigentlich führt:  Lohneinbußen, schwindende berufliche Perspektiven und Weiterentwicklungen, sowie Einbußen bei der späteren Rente. All diese Missstände zu Lasten der Frauen während der Corona-Pandemie dürfen nicht weiter unberücksichtigt bleiben und können nicht länger hingenommen werden!

Diese wachsende Ungerechtigkeit und Überbelastung wird aber nicht nur im Bereich der unentgeltlichen Care-Arbeit ersichtlich. Viele systemrelevante Berufe wie z.B. die Erziehungs- und Gesundheitsbereiche, werden ebenso überwiegend von Frauen ausgeübt! Dabei sind sie nicht nur viel häufiger gesundheitlichen Risiken, wie z.B. einer höheren Ansteckungsgefahr und eine steigende Belastung durch rapide ansteigende Mehrarbeit, ausgesetzt. Sie müssen oftmals prekäre Arbeitsbedingungen aushalten und sind zudem schlechter bezahlt – und das nicht erst seit der Corona-Krise! Ein Beklatschen der Care-Berufe und vorübergehende finanzielle Prämieren dürfen nicht die einzigen Symbole der Wertschätzung bleiben! Wir müssen die Gelegenheit beim Schopf packen und eine Neustrukturierung von Care-Arbeit umsetzen – und zwar jetzt! Nur so lassen sich diese Missstände (dauerhaft) beseitigen.

Deshalb fordern wir:

  • Professionelle Care-Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, müssen kontinuierlich deutlich finanziell aufgewertet werden und die dortigen Arbeitsbedingungen erheblich verbessert werden.
  • Zeitbudgets für den Lebenslauf und Ansprüche auf Lohnersatz für nicht professionelle Care-Arbeit müssen ermöglicht werden, damit die Reduzierung von Arbeitszeiten oder vorübergehende berufliche Unterbrechungen ausgeglichen werden können und entsprechende Wertschätzung erfahren.
  • Sorgende Nachbarschaften zu fördern, um eigenverantwortliche soziale Unterstützungsnetze im direkten häuslichen Umfeld über die Familie hinaus zu ermöglichen
  • Die Bedürfnisse der Frauen müssen bei den politischen Debatten und den coronabedingten Entscheidung generell mehr Berücksichtigung finden.

Neben diesen Missständen ist die Corona-Pandemie für Frauen aber auch besonders gefährlich, weil sie verstärkt häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Die Pandemie stellt viele Familien und Beziehungen vor großen Herausforderungen wie z.B. Existenzängste, finanzielle Sorgen und allgemein (soziale) Einschränkungen im Alltag. All dies verstärkt das Risiko häuslicher Gewalt insbesondere gegenüber Frauen. Hinzu kommt, dass aufgrund der coronabedingten Kontaktbeschränkungen oder Quarantänemaßnahme die Möglichkeiten, sich Hilfe zu suchen, z.B. bei Freunden oder den entsprechenden Beratungsstellen, eingeschränkt sind. Diese prekären Umstände müssen durchbrochen werden um Frauen auch während der gegenwärtigen Corona-Pandemie den notwendigen und ausreichenden Schutz vor häuslicher Gewalt bieten zu können.

Analysen zeigen außerdem, dass bundesweit die finanzielle Lage der Frauenhäuser schlecht ist und dass diese häufig voll belegt sind. Oft werden Frauen deswegen abgewiesen. Der Europarat empfiehlt einen Frauenhausplatz pro 7500 gemeldete Personen. Laut Correctiv.org stehen in Bremen 1,36 Plätze pro 7500 gemeldete Personen zur Verfügung. Damit wird Bremen zwar der Empfehlung des Europarats gerecht. Unter Anbetracht der steigenden Gewalt gegenüber Frauen ist diese Platzanzahl jedoch zu wenig!

All diese Missstände müssen durchbrochen werden. Dies lässt sich nur mit einer umfassenden feministischen Politik erreichen, welche die Bedürfnisse und Risiken der Frauen ernst nimmt und in konkrete Politik umsetzt. Jetzt und in Zukunft!

Deswegen fordern wir:

  • Eine bessere öffentliche Wahrnehmung und Sensibilisierung für das Thema Gewalt gegenüber Frauen schaffen
  • Insbesondere während der coronabedingten Einschränkungen müssen schnellere und einfachere Wege zu Hilfsangeboten in Form von provisorischen Beratungsstellen im öffentlichen Raum ermöglicht werden, wie z.B. in Behörden oder auch in Supermärkten.
  • Die Zustände der Frauenhäuser müssen verbessert werden. Das bedeutet, in den Frauenhäusern Bremens müssen mehr als nur 1,36 Plätze pro 7500 gemeldet Personen zur Verfügung stehen. Wir fordern eine Aufstockung auf mindestens 1,5 Plätze pro 7500 Einwohner*innen. Hierfür muss eine verlässliche und bedarfsdeckende Finanzierung gewährleistet sein, damit die Frauenhäuser ihre Kapazitäten ausbauen und die Räumlichkeiten besser ausstatten können.

Beschluss als PDF

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