Alte weiße Männer – oder der Unterscheid zwischen Gandalf und Stromberg

Um polemisch anzufangen: Kann eine Frau, die vor allem dafür bekannt ist, bei Twitter in 280 Zeichen pointierte Kommentare abzugeben, auch 300 Seiten Buch füllen? Kurzantwort: Ja, kann sie.

Der Titel von Sophie Passmanns Buch „Alte weiße Männer“ stellt dabei natürlich unmittelbar eine Provokation dar, Menschen als „alte weiße Männer“ zu bezeichnen, führt (man kann das regelmäßig im Internet beobachten) schnell zu Abwehrreflexen. Allerdings stellt die Autorin ihrem Buch die Klarstellung voraus, dass die Bezeichnung „alter weißer Mann“ eher eine Geisteshaltung als ein körperliches Merkmal beschreibt. Eine Geisteshaltung, die ein Überlegenheitsgefühl anderen gegenüber ebenso umfasst wie Blindheit für eigene Privilegien und eine permanente Grundagressivität allen gegenüber, die den Status Quo infrage stellen.

Als Beispiel: Gandalf aus Herr der Ringe ist unzweifelhaft ein alter Mann und, spätestens ab dem zweiten Teil, mehr als weiß. Trotzdem entspricht er nicht der Definition als alter weißer Mann. Die Serienfigur Stromberg hingegen, obwohl nur mittelalt, ist quasi ein Idealbild des alten weißen Mannes, wie ihn Passmann beschreibt.

Die Begriffsklärung vorangestellt besteht das Buch aus einer Reihe von Gesprächen, die die Autorin mit mehr oder weniger bekannten Männern geführt hat. Hauptthema war dabei immer, inwiefern sich die Befragten selbst als „alte weiße Männer“ sehen, wie sie den Begriff definieren würden und wo allgemein die Herausforderungen für Feminismus und feministische Debatten liegen. Zu den Gesprächspartnern zählten dabei sowohl Posterboys der linksliberalen Mitte, Robert Habeck oder Claus von Wagner, als auch vermeintliche oder tatsächliche Konservative wie Peter Tauber und Jörg Thadeusz bis hin zu Leuten wie Kai Diekmann oder Ulf Poschardt, die man eher als Reizfiguren bezeichnen könnte.

Überraschenderweise verliefen die Gespräche, oder zumindest deren Dokumentation im Buch, relativ harmonisch.

Überraschenderweise verliefen die Gespräche, oder zumindest deren Dokumentation im Buch, relativ harmonisch. So stellt zwar Kai Diekmann pflichtbewusst infrage, ob der heutige Feminismus überhaupt nötig wäre, weil Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern prinzipiell schon erreicht sei – nur eine kleine Minderheit brauche eben noch etwas länger, sich damit abzufinden. Werner Patzelt sekundiert, dass Machtungleichheit gar nichts mit Geschlecht, Alter oder Hautfarbe zu tun habe. Emanzipation oder Feminismus aber glatt abzulehnen, traut sich öffentlich niemand – bis auf Rainer Langhans, der seinen Antifeminismus trotzdem als „feministisches Projekt“ gegen den „Opferfeminismus“ darstellt.

So viel Konsens hätte man in einem Buch zu einem derart aufgeheizten Thema kaum vermutet – das mag ein Stück weit aber auch am Anspruch von Sophie Passmann liegen. Das Buch trägt nicht umsonst den Untertitel „Ein Schlichtungsversuch“. Es wäre der Autorin durchaus zuzutrauen, an einigen Stellen ihren Gesprächspartner argumentativ problemlos auf die Matte legen zu können, genau das macht sie aber nicht. Stattdessen versucht sie wirklich ein Gespräch zu führen und die Meinung ihres Gegenübers zu verstehen, was nicht bedeuten muss, diese gut zu finden. Ein Ansatz, den auch viele andere sich zu Herzen nehmen könnten. Denn natürlich ist Antifeminismus vor allem eine Abwehrhaltung von Männern, die ihre Privilegien und vor allem ihre Erfahrungen, Werte und Gewissheiten plötzlich bedroht sehen und entsprechend reagieren.

Feminismus muss auch mit Gegenwind leben können, oder, wie im Buch geschrieben: „Die Machtfrage wird nie höflich gestellt“.

Von seinem hohen Ross tritt man(n) naturgemäß ungerne ab, Gleichberechtigung ist anders aber eben nicht zu erreichen. Und deswegen muss Feminismus auch mit Gegenwind leben können, oder, wie im Buch geschrieben: „Die Machtfrage wird nie höflich gestellt“. Dass Feminismus nicht nur Frauen*sache ist, sondern alle Menschen davon profitieren, wenn überkommene Geschlechterklischees fallen und damit auch der anstrengende Zwang, sich diesen anpassen zu müssen, macht den Übergang dabei deutlich erstrebenswerter.

Was man dem Buch anlasten könnte, wäre zu wenig Provokation gewagt zu haben. Wenn aber ein Beitrag zur Debatte um Feminismus und ein „Schlichtungsversuch“ als Ziel ausgegeben wird, dann zielt die Kritik ins Leere. Tatsächlich gelingt es Sophie Passmann viele feministische Themen anzusprechen und dabei nicht abgehoben theoretisch zu werden, sondern verständlich und „massentauglich“ zu verpacken. Die Kritik, dass eine weiße Frau aus der oberen Mittelschicht mit abgeschlossenem Studium und Akademikerfamilie nur einen Teilbereich des feministischen Spektrums abdecken kann, muss an der Stelle akzeptiert werden. Natürlich sind Unterdrückungsmechanismen für weiße Akademikerinnen andere als für z.B. women of colour. Wenn man das aber im Hinterkopf behält, dann ist das Buch „Alte weiße Männer“ auf jeden Fall mit Gewinn zu lesen und uneingeschränkt zu empfehlen.

Alte weiße Männer – Ein Schlichtungsversuch
von Sophie Passmann

288 Seiten
12,00 €
KiWi-Verlag 2019

Mehr Details über das Buch findet ihr hier auf der Seite des Verlages: https://www.kiwi-verlag.de/buch/alte-weisse-maenner/978-3-462-05246-6/

Mirko Kruse hat für euch “Alte weiße Männer” von Sophie Passmann gelesen und rezensiert.

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